Geschichte der Grassmayr Glockengiessereien

Vorwort

Namen erscheinen wie sie in den damaligen Matriken der katholischen Kirche eingetragen wurden. Die historische Abfolge ab ±1600 ist weitgehend den Büchern Die Feldkircher Glockengießer und Fabrikanten Graßmayr (Rainer Bayer, 1989) und Die Glockengießerfamilie Grassmayr (Jörg Wernisch, 2012) entnommen.

Habichen 1620 - 1785

Heidenhaus und Glockenhof

Heidenhaus

Heidenhaus in Habichen 1895
Otto Knitel schreibt: Das Heidenhaus in Habichen war am 29. März 1595 [...] vom Hefengießer Hansen Graßmayr vom Lärchhof in Tumpen erworben worden, der hinter dem Hause in der alten Stampfe seine Hafengießerei errichtete. Lange schon war dieses Gewerbe in der Familie beheimatet und vererbte sich von Vater auf Sohn. [1]

Das alles stimmt nicht, denn an dem Tag wurde kein Haus, sondern ein Grundstück auf dem Lärchhof verhandelt. [2] Erst Christianus Graßmayr und seine Frau Maria Singer lebten nachweisbar in Habichen.

In einem Brief vom 20. November 1857 von Petrus Graßmayr in Habichen an seinen Bruder Johannes Nepomuk in Wilten, wird ein Heidenhaus in Habichen erwähnt, ein Haus aus uralten Heidenzeit. Petrus berichtet, dass hier die Glockengießerei in Habichen um 1650 einen Anfang genommen hat und dass es bereits früher eine Hafengießerei gab. Man solle aber ja nicht glauben, schreibt er weiter, dass hier um 1550 schon eine Gießerei war. Der erste Glocken­gießer sei Christian Graßmayr gewesen. [3]

Aus den Aufzeichnungen von Augustin Jungwirth geht hervor, dass Christian Graßmayr, gestorben 1773, der erste Besitzer des Hauses Nr.83 in Habichen war, und dass sein Sohn Bartlmä, geboren 1670, das Haus Nr. 80 besaß. Dieser Bartlmä war in Brixen in die Lehre gegangen und began in Habichen das Glocken­gießer­handwerk. [4]

Hausnummer Heidenhaus

Hausnummer Heidenhaus
Das Heidenhaus wurde 1991 renoviert, wobei der schad­hafte Verputz erneuert, einige Fenster durch original­getreue ausge­wechselt und die Wand­malerei restauriert wurden. In der Mitte der Reno­vierungs­arbeiten wurde die Hausnummer 80 über der Tür angebracht. Nach Jungwirth wohnte hier also Bartlmä. Die Nummer wurde später offen­sichtlich wieder entfernt.

Glockenhof Habichen

Balkeninschrift Glockenhof
Nicht weit vom Heidenhaus steht der Glockenhof mit über der Tür die Aufschrift Christan Grasmair • 1655 • Robert Haueis 1985. Auf dem Balken unter dem Dachstuhl ist mit einiger Mühe die Inschrift [...] GRASMAIER MARIA SINGER zu erkennen. Hier hat wohl Christian Grasmair mit seiner Frau Maria Singer und ihren Kindern gelebt. Der Glockenhof wäre demnach das von Jungwirth genannte Haus mit Haus­nummer 83.

Die Hausnummern müssen später geändert worden sein, denn auf der Fassade des Heidenhauses sind heute die Nummern 874 und 875 aufgemalt. Wir wissen, dass Conradus, der Urenkel von Bartholomäus, 1784 starb in Hausnummer 876. [5] Ob die letzte Nummer ebenfalls zum Heidenhaus gehörte, wird wohl nie geklärt werden.

In der heutigen Zeit wurden die Häuser erneut um­numme­riert, denn die Anschriften des Heidenhauses und des Glockenhofs lauten nun Habichen 109 beziehungs­weise 108.

Glockengießer

Kinder Christianus

Kinder von Christianus und Maria Singer
Bartholomäus der Ältere

Bartholomäus der Ältere
1670-1722
In einem Verzeichnis der khinder so Christian grassmajr zu habichen aus der Maria Singer erzeüget hat, heißt es, dass Bartholomäus, der jüngste Sohn von Christianus Graßmayr und Maria Singer, der erste gloggen­giesser zu habichen war. [6] Da auf der Rückseite Juliana Kloz als noch ledige Person aufgeführt ist, wurde das Verzeichnis kurz vor ihrer Heirat mit Joannes Nepomucenus im Jahr 1790 erstellt. [7] [8]

Bartholomäus (1670-1722) war verheiratet mit Eva Leiter, und dieser Ehe entsprossen sechs Kinder. Bei der Taufe der Kinder wurde er campanarum fusor (= Glocken­gießer) genannt. [9]

Der erste Glockenguß in Habichen dürfte also um 1695 stattgefunden haben. Die Sterbeglocke in der Pfarrkirche zum heiligen Laurentius in Bichlbach (Tirol) wurde kurz darauf, im Jahre 1704, gegossen. [10]

Jacobus (1700-1742) übernahm den Betrieb seines Vaters. Er heiratete Maria Oliva Khuen, die ihm neun Kinder schenkte, von denen Joannes Jacobus nach Brixen übersiedelte um dort die Gießerei weiter­zu­führen und Wolfgang Bartholomäus den Betrieb in Habichen übernahm.

Johannes Nepomuk

Johannes Nepomuk
1801-1883
Wolfgang Bartholomäus (1724-1784) nannte sich meist Bartlme. Er heira­tete Petronilla Schöpf mit der er dreizehn Kinder hatte, von denen die Söhne Joannes Nepomucenus, Jacobus Vitus und Mathäus für kürzere oder längere Zeit in Feldkirch tätig waren.

Joannes Nepomucenus (1753-1822) zog um 1785 nach Feldkirch, wo er 1787 ein­ge­bürgert wurde. Er gründete dort eine Gießerei, kehrte aber schon 1788 nach Habichen zurück, wo er bis zu seinem Tode gearbeitet hat. [11] [12]

Ihm folgte sein einziger Sohn, Bartholomäus Mathias (1802-1824), der nur zwei Jahre nach seinem Vater starb. Da er nicht verheiratet war, übernahm sein Vetter Johannes Nepomuk (1801-1883) die Gießerei. Im Jahre 1836 ver­legte dieser den Betrieb von Habichen nach Wilten bei Innsbruck. [13] [14]

Damit kam die 300-jährige Gießerei-Tradition im Ötztal zu einem Ende.


Da die Ehe von Joannes Nepomuk und Elisabeth Lener kinder­los blieb, wurde der Neffe Joseph Graßmayr (1839-1899) sein Nachfolger in Wilten. Auch die Ehe von Joseph und Emma Antonia Knitel blieb kinder­los, und das Unternehmen gelangte testamentarisch in die Hände der Familie Knitel. [15]

Glockengießer in Habichen

Name Geburt Tod Gattin
Christianus ±1620 1673 Maria Singer
Bartholomäus 1670 1722 Eva Leiter
Jacobus 1700 1742 Maria Olivia Khuen
Wolfgang Bartholomäus 1724 1784 Petronilla Schöpf
Joannes Nepomucenus 1754 1822 Juliana Kloz
Bartholomäus Mathias 1802 1824  
Johannes Nepomuk 1801 1883 Elisabeth Lener